Die Gottesräuber
Als Gott die Welt zusammen mit dem ganzen Universum schuf, hat er – ob er es nun wollte oder nicht – auf der Erde Verhältnisse entstehen lassen, die nach fünf Milliarden Jahren – einer für Gott bedeutungslosen Zeit – komplexe Lebensformen hervorbrachten. Eine davon ist der Mensch, der sich gerne als Krone der Schöpfung betrachtet und sich auch häufig wie ein Kronenträger aufführt. Bis dahin war Gott praktisch für alle gleichermaßen da.
In der Gruppe der Kronenträger gab es eine kleine Gruppe, die mit der gleichmäßigen Präsenz Gottes nicht einverstanden war. Sie beschlossen, sich selbst einen größeren Anteil von Gott zu nehmen. Da sie glaubten, dass Gott eine bestimmte Größe haben muss, so wie die Sonne oder das Wasser auf der Erde, waren sie überzeugt, dass sie damit größere Macht haben werden. Sie machten sich prächtige Kleider, erfanden eine unverständliche Sprache, dachten sich würdevolle Zeremonien aus und nannten sich fortan Priester. Da die Priester sehr würdevoll auftraten und in dieses fremdartige Sprache redeten, hielten die Menschen sie für weise und glaubten, dass sie mit Hilfe der Priester bei Gott viel mehr erreichen können. Es war schon immer das Problem der Menschen, mit dem vorhandenen nicht zufrieden zu sein, das bescherte den Priestern ein florierendes Geschäft. Denn sie etablierten ein Spendensystem, mit dem Wünsche an Gott verstärkt werden konnten. Damit errichteten sie großartige Kathedralen, in denen sie noch prunkvoller und überzeugender auftreten konnten. Und wenn es mit einer Wunscherfüllung doch nicht klappte, versicherten sie dem Bittsteller, dass es wohl an seinen Sünden liegen müsse und er doch versuchen sollte, Gott mit einer noch großzügigeren Spende zu überreden, wodurch natürlich noch größere Kathedralen und Paläste entstanden.
Als die Menschen allmählich zu zweifeln begannen, ob Gott mittels dieser Spenden überhaupt gekauft werden konnte, bekamen es die Priester mit der Angst zu tun und sahen sich gezwungen, die Inquisition zu erfinden. Mit ihr war es möglich, Zweifler und Widerständler zu verbrennen, was sie auch fleißig taten. Wäre der Mensch nicht so dumm, hätte es ihm damals auffallen müssen, dass Gott, wenn er gütig und barmherzig ist, diesem Unwesen nicht tatenlos zugeschaut hätte, wäre er auf Seiten der Priester gestanden. Immerhin hat Gott ein ganzes Universum erschaffen, da hätte er mit dem einen oder anderen Gewitter schon mal für Wahrheit sorgen können. Aber vermutlich hat Gott andere Probleme zu lösen, als die der Menschheit. Und bei der sollte es noch lange dauern, bis sie ansatzweise Lunte roch.
Da war die Gesellschaft schon modern und das Leben lernte viele Annehmlichkeiten kennen. Krankheiten wurden geheilt und viele Wünsche konnten ohne Priester befriedigt werden. Da forderten die Menschen die Priester auf, sich der Zeit zu stellen. Der oberste Priester berief ein großes Palaver in Rom ein und es wurden sehr viele und sehr gute Vorsätze gefasst. Doch nach einigen Bestrebungen ließen die Priester die Vorsätze wieder fallen, woraufhin die Menschen scharenweise aus der Kirche strömten und die Priester waren trotz ihrer Zaubersprache sprachlos. Während die einen meinten, man müsse den Menschen folgen, besannen sich die anderen auf die Zeit des Mittelalters, in der es für sie so gut gelaufen war. Sie legten wieder die prunkvollen Gewänder an und riefen lautsprecherverstärkt in ihrer geheimen Sprache durch die leeren Kirchen, ohne die Ohren der Menschen zu erreichen.